In den Diktaturen darf man nichts sagen,
muss alles nur denken.
In der Demokratie darf man alles sagen,
aber keiner ist verpflichtet,
sich dabei etwas zu denken.
Willi Ritschard (1918-1983)

 


DER FREMDE ANFANG


„Name?“
„Wolkenstein.“
„Vorname?“
„Lars.“
„Ihr Alter?“
„Na och Wolkenstein!“
Der ältere Mann schaute nur kurz über seine Brille zu sei-
nem Gegenüber, räusperte sich laut und fragte erneut:
„Wann geboren“, und betonte dass WANN lauter.
„Wer? Mein Alter?“
Der ältere Mann legte den Stift auf den Fragebogen, nahm
die Brille ab, lehnte sich zurück, grinste. Die Haare, die seit-
lich der Mütze hervorschauten, waren angegraut. Er nahm
sie ab und legte sie auf den Tisch. Die Mütze gab eine
Glatze frei. Falten bildeten sich auf seiner Stirn. Mit strahlen-
den Augen, die zu seinem Grinsen passten, schaute er Wol-
kenstein an.
„Einen Komiker haben wir hier, was? Na, das werden sie
dir schon austreiben! Wir hatten hier schon ganz andere Ko-
miker.“
Wolkenstein musterte den Uniformierten. Graue Schläfen,
hohe Stirn, dunkle Augenringe. Steinalt, dachte Wolken-
stein.
Der Alte hatte sich inzwischen wieder in Schreibposition
begeben und die Brille aufgesetzt, die Mütze lag noch auf
dem Tisch: „Wie alt sind Sie denn nun?“
„Neunzehn Jahre, Herr Hauptmann“, antworte Wolken-
stein so zackig er konnte, es sollte aber komisch klingen.
„Das lernst du hier alles noch, keine Bange: das heißt Ge-
nosse Fähnrich! Verstanden, Genosse Soldat?“
„Entschuldigung, aber ich bin nicht in der Partei, in gar kei-
ner.“
„Wir sind hier alles Genossen, früher waren wir Kameraden
und heute sind wir Genossen.“
Wolkenstein wollte etwas antworten, aber der Fähnrich
ging stur die Fragen durch, ohne weitere Unterbrechungen
zuzulassen.
„Na also, ging doch“, sagte der Ergraute, als er die Antwort
zur letzten Frage notiert hatte, „und nun raus auf den Gang,
rechts rum, nächstes Zimmer, 156. Der Nächste!“
Wolkenstein stand auf, nahm den ihm gereichten Zettel
und verließ das Zimmer.
Auf dem Gang war es finster, seine Uhr zeigte halb eins,
nachts. Licht schien nur durch die offenen Türen auf den lan-
gen Flur. Ein Soldat kam mit langsamen Schritten näher.
Seine Schritte knallten laut auf den Fließen, er hatte Eisen-
absätze unter den Sohlen. Jeder Schritt hallte von den kah-
len Wänden wieder. Der Kopf dröhnte noch leicht von ges-
tern, von der Abschiedsfeier, sein Mund war trocken.
„Wehrkreiskommando XV, Schillingstraße 49, 4.11., 09.00
Uhr“ stand auf seinem Einberufungsbefehl. Die Nacht zuvor
hatte er ausgiebig Abschied mit seinen Freunden und seiner
Verlobten gefeiert, Kola-Wodka ohne Ende. Alle waren gut
drauf und machten ihm Mut. Gestern war er auch noch mu-
tig, hatte große Sprüche geklopft, ohne recht zu wissen, was
ihn hier eigentlich erwarten würde. Es war doch bisher auch
immer alles gut gegangen, weshalb sollte diesmal etwas
nicht glatt gehen?
Am letzten Arbeitstag hatte ihn der Meister mit den Worten
verabschiedet: „Immer schön in der Mitte bleiben, nie vorne-
weg und nie hinterher, verstehst? So bin ich auch vom Rus-
senfeldzug heimgekommen. Na, wirst es schon schaffen,
bist doch ein kluges Kerlchen!“
Die anderen Kollegen wünschten einfach nur alles Gute.
„Wenn du erst EK bist, hast du das Gröbste hinter dir, dann
sagst du, wo es langgeht.“ Peter war Mitte zwanzig und hatte
sogar schon einmal Reservistendienst geleistet.
EK? Wie fremd das klang. Entlassungskandidat war die
genaue Bezeichnung für einen Titel, den jeder im dritten
Diensthalbjahr bekam.
Mutter hatte ihm die Tasche gepackt. Er wollte das selber
machen, aber er konnte ihr die Freude nicht nehmen. Sie
war aufgeregt und unterdrückte ihre Angst nicht. Mach dies,
pass auf, zieh dich ja warm an, iss bloß genug. Vater hatte
ihm seinen alten elektrischen Rasierapparat gegeben und
Rasierwasser gekauft. „Hast ja schon einen Bart. Nun muss
der Flaum aber runter. Und eine vernünftige Frisur werden
sie dir auch verpassen!“
Von wegen Flaum! Andere in seinem Alter hatten nicht mal
den. Seine Koteletten trug er lang als Backenbart wie John
Lennon. Das Bild Lennons hing über seinem Bett. Neben
den anderen Bildern der Beatles. Vater hatte anfangs wegen
der Bilder Theater gemacht. „Langhaarige Schreihälse“
hatte er sie genannt. Die Bilder blieben hängen, auch der
selbstgemalte Schriftzug HELP! Daneben ein Ausspruch
Lennons: „Ihre Majestät, ich gebe aus Protest gegen die bri-
tische Verwicklung im Nigeria/Bifra Konflikt meinen MBE-Or-
den zurück, ebenso protestiere ich gegen die englische Un-
terstützung der Amerikaner in Vietnam und dagegen, dass
mein Song Cold Turkey die Hitliste runterrutscht.“
Wolkenstein bewundert John für seinen Mut, der Königin
von England so etwas zu sagen. Der Königin! Mehr ging
nicht.
Er verehrte John, weil er anders war. Nie im Leben hätte
Wolkenstein sich getraut, einen älteren Menschen zu kriti-
sieren. „Achte mir die Alten, sie haben ein schweres Leben
hinter sich und es verdient, geachtet zu werden!“ Seine
Großmutter hatte für jeden und alles einen weisen Spruch.
„Was stehen Sie da rum? Kommen Sie rein!“
Wolkenstein wurde aus seinen Gedanken gerissen.
Er stand vor der offenen Tür des Zimmers 156. Nachdem
er eingetreten war, reichte er seinen Zettel.
„Die Tasche auf den Stuhl abstellen. Schuhe ausziehen
und auf dieses Brett, mit dem Rücken zur Messlatte stellen.“
Der Ton des neuen Fähnrichs war ungleich härter, als der
des Schreibers von nebenan. Militärischer eben. Er war
auch bedeutend jünger, sehr kurze Frisur, die Uniform saß
wie angegossen.
Wolkenstein stellte die Tasche neben den Stuhl, setzte
sich auf selbigen und begann die Schnürsenkel zu öffnen.
Scheinbar dauerte es dem neuen Fähnrich zu lange:
„Ihnen kann man ja die Schuhe beim Laufen besohlen. Et-
was mehr Bewegung, wir sind hier nicht im Altersheim Mann,
bewegen Sie sich.“
„Jawohl, Genosse Fähnrich!“ Wolkenstein wollte sein eben
erst erworbenes Wissen gleich anwenden.
Dem neuen Fähnrich huschte ein Lächeln übers sonst sehr
ernste Gesicht, er richtete sich etwas auf. Die Brust vorge-
streckt antwortete er mit unerwartet weichem Ton: „Ich bin
noch Oberfeldwebel, Genosse Soldat“, sein Lächeln ver-
schwand jedoch sogleich wieder, „nun aber etwas zügiger,
es warten noch mehr draußen.“
Wolkenstein stellte sich auf das Brett.
„Die Hacken hinten an die Leiste Mann! Wie soll ich denn
sonst Ihre Schuhgröße bestimmen? Und den Kopf auch. Ge-
rade stehen. Muss man Ihnen denn alles sagen, Mensch?“
Noch beim Sprechen knallte der Oberfeldwebel einen Stiefel
gegen die Schienbeine und mit der flachen Hand schlug er
gegen Wolkensteins Stirn, so dass der Kopf hinten an die
Messlatte schlug. Bevor Wolkenstein alles begreifen konnte,
stand der Oberfeldwebel gebeugt über dem Schreibtisch
und notierte etwas auf dem Zettel. Dann drehte er sich um
und reichte Wolkenstein das Blatt.
„Mensch, Sie stehen ja immer noch da! Schuhe anziehen
und weiter zur 158! Der Nächste!“
Wolkenstein musste sich auf den Boden setzen, um die
Schuhe anziehen zu können, der Nächste hatte bereits sei-
nen Koffer auf den Stuhl gestellt.
In der 158 waren mehrere Feldwebel und Soldaten. Der
erste reichte ihm mit der einen Hand eine große Plane: „Zu-
sammenknöpfen, wie das Muster da an der Wand, sodass
ein Sack entsteht und weiter zum Nächsten“, und wies mit
der anderen auf die hinter ihm stehende Wand, wo eine Art
Seesack zu erkennen war.
Wolkenstein war überfordert. Die Plane war quadratisch,
etwa 2 mal 2 Meter. Knöpfe aus Aluminium, Schlitze, Öff-
nungen. Wo anfangen? Welche Seite gehörte nach oben,
wo sollte die Öffnung hin? Ein Feldwebel bemerkte seine
Hilflosigkeit, trat näher und sagte: „Da werd ich Ihnen mal
ein bisschen helfen, Genosse Soldat! Hatten wir denn das
nicht in der GST gelernt?“ Er nahm Wolkenstein die Plane
aus der Hand und knöpfte mit flinken Fingern zwei Seiten
zusammen. „Und ab hier weiter bis oben hin, verstanden?!“
„Jawohl, verstanden!“ Wolkenstein war froh, den Rest
konnte er nun allein. Dankbar schaute er den hilfsbereiten
Feldwebel ins Gesicht. Klare, ganz helle Augen, strahlend.
Blonde Haare quollen seitlich der Mütze hervor. Er war jün-
ger als die beiden vorher. Höchstens zwei Jahre älter als
Wolkenstein.
„Danke“, murmelte Wolkenstein und knöpfte dabei weiter.
Die Soldaten, die ihn weiter abfertigten, schauten kurz auf
seinen Zettel, drehten sich um, gingen zu den hinter ihnen
stehenden Regalen, nahmen etwas heraus, kamen zurück
und warfen es in seinen neuen „Seesack“.
„Weiter!“ Der nächste warf auch einen kurzen Blick auf das
Blatt und legte einen Stapel weißer Wäsche in den Sack.
Kurz darauf mehrere Hosen und Jacken, Stiefel, Stahlhelm.
Es ging alles mächtig schnell.
„Ich weiß ja gar nicht, ob mir das alles passt“ rief Wolken-
stein hilflos, bemüht, den Sack nicht fallen zu lassen.
„Wir sind hier bei der Armee und nicht im Kaufhaus, Ge-
nosse Soldat!“ Sagte eine sehr laute Stimme direkt hinter
Wolkenstein. Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein großer,
sehr dünner Offizier. Wolkenstein erkannte die silbrige Kor-
del an der Mütze und die goldfarbenen Sterne auf den Schul-
terstücken, Kennzeichen eines Offiziers. Die anderen Solda-
ten und Feldwebel hatten ihre Arbeiten unterbrochen und
sich stramm hingestellt.
„Achtung! Vierter Zug beim Einkleiden. Genosse Haupt-
mann, keine besonderen Vorkommnisse!“ Der freundliche
Feldwebel sah nun ernst aus, kein Lächeln umspielte seinen
Mund. Er sprach laut und zackig. Die Augen strahlten nicht
mehr, leer schauten sie auf den Hauptmann.
„Danke, weitermachen“, antwortete der Hauptmann. Wol-
kenstein schaute zum Feldwebel, da er annahm, dass die-
ser irgendetwas antworten würde. Als nichts geschah,
blickte er sich um, der Hauptmann war weg. Unauffällig wie
er plötzlich hinter Lars gestanden hatte, war er auch wieder
verschwunden.
„Den sollten Sie sich merken“, der Feldwebel hatte sein
Lächeln wieder gefunden „dass ist unser KC!“ Er stockte
kurz, als er Wolkensteins fragenden Blick sah. „Unser Kom-
paniechef“, setze er hinzu. Wolkenstein nickte stumm.
Alles Weitere ließ Wolkenstein stumm über sich ergehen.
Er war müde und wollte nur noch schlafen. Das neue Leben
war fremd und unwirklich, es passte nicht auf seine Haut.
Nach dem Empfang aller möglichen Kleidungsstücke und
Gerätschaften ging es auf die Zimmer. Ein Unteroffizier
führte sie durch die Gänge bis zu ihrer Stube. Es war ein
„Dreiender“, die Jacke der Uniform war oben zugeknöpft,
alle noch länger Dienenden trugen Hemden mit Krawatte.
Seine Mütze saß sehr tief, so dass man kaum die Augen
sehen konnte
„Hier ist ihre Stube“, sagte der Unteroffizier und ver-
schwand.
Na endlich, dachte Wolkenstein, endlich schlafen, es war
halb zwei.
Gleich rechts neben der Tür standen vier Doppelstockbet-
ten, weiß blau karierte Bettwäsche, am Fußende jeweils
eine dunkelgraue Decke. An den Stirnseiten des Raumes
befanden sich je vier Schränke, ein schmaler Schrank stand
links neben der Tür. Gegenüber den Betten waren zwei
Fenster, davor zwei Tische mit je vier Hockern.
Jeder suchte sich ein Bett und einen Schrank aus, geredet
wurde kaum, jeder hatte mit sich zu tun.
Bevor er sich jedoch auf sein Bett setzen konnte, kam der
Unteroffizier in die Stube: „Raustreten zum Haarschneiden,
Geld nicht vergessen.“
„Nimmt denn das hier gar kein Ende, morgen ist doch auch
noch ein Tag.“
Irgendjemand hatte sich Luft gemacht und gesagt, was
vermutlich alle in der Stube dachten.
Der Unteroffizier drehte sich in die Richtung, wo er den
Sprecher vermutete: „Wer von ihnen hat das gesagt?“
Das Gesicht des Unteroffiziers nahm einen schadenfrohen
Ausdruck an, als hätte er nur auf diese Äußerung gewartet.
Obwohl die Augen im Schatten der Schirmmütze versteckt
waren, glaubte Wolkenstein ein Blitzen gesehen zu haben.
„Ich“, sagte ein etwas dick wirkender Jüngling. Sein Ge-
sicht ernst, die Anstrengungen der letzten Stunden waren
darin zu erkennen. Er sah aus, als hätte er erst die Jugend-
weihe erhalten, aber nicht wie einer, der bald mit einer Ma-
schinenpistole schießen müsste.
„Ihr Name, Genosse Soldat?“
„Lehmann.“
„Das heißt Genosse Lehmann!“
„Nein, einfach nur Lehmann, ohne alles, einfach Leh-
mann.“
Wolkenstein musste innerlich grinsen. Dem geht’s genau
wie mir, dachte er.
„Hier sind wir alles Genossen, so wird man hier angeredet,
Genosse und Dienstgrad, oder Dienstgrad und Namen, ver-
standen? Und nun etwas Beeilung, um sechs ist die Nacht
vorbei. Nach dem Wecken morgen früh ziehen sie rot gelb
an, darüber den grauen Trainingsanzug und die schwarzen
Turnschuhe.“
Das allgemeine Murren hörte er schon nicht mehr, er war
verschwunden.
Beim Haarschneiden fiel Lehmann wieder auf.
„Ich war gestern erst beim Friseur, das sehen Sie doch!
Oder glauben Sie, ich wäre immer so kahl rumgelaufen.“
„Alle zum Friseur, so lautet der Befehl, Genosse. Hinset-
zen!“
Auf dem Weg zur Stube gab Lehmann noch einige Bemer-
kungen von sich, die aber keiner so richtig wahrnahm.
Kurz nach zwei war Wolkenstein endlich im Bett, konnte
aber nicht gleich einschlafen. Der Kopf war kalt, die schul-
terlangen Haare fehlten. Auch die Wangen fühlten sich kühl
an, alles war weg. Er hatte im Spiegel mit ansehen müsse,
wie er sich im Handumdrehen total veränderte. Entstellt und
nackt kam er sich vor. Er war nicht mehr er. Alles Mögliche
ging ihm durch den Kopf. Die letzten Wochen waren toll,
Facharbeiter geworden, erstes eigenes Geld verdient. Ver-
lobt. Die besten Kumpels der Welt. Fast alle wurden einge-
zogen, jeder in eine andere Ecke des Landes.
Irgendwann schlief er ein, traumlos.
„Kompanie aufstehen, Raustreten zum Frühsport! Raus-
treten in fünf Minuten“, schallte es auf dem Flur.
Kaum jemand hatte sich bewegt, als schon die Tür aufge-
rissen wurde.
„Raus aus den Betten! Anziehen zum Frühsport! Man das
stinkt ja hier wie in einem orientalischen Puff!“
Es war der Unteroffizier von gestern, er hatte den grauen
Trainingsanzug an, ging zum Fenster und öffnete beide Flü-
gel bis zum Anschlag. Alle machten Anstalten sich anzuzie-
hen, nur Lehmann lag noch. Der Unteroffizier ging zu Leh-
manns Bett und zog mit einem Ruck die Decke völlig weg.
Lehmann stöhnte: „Was ist denn nun schon wieder? Kann
man hier nicht mal in Ruhe die Nacht verbringen? Es ist doch
noch stockdunkel draußen.“ Man sah wie er fror und die
Arme vor seinem Körper verschränkte.
„Hoch Genosse Soldat! Rot gelb und den Trainingsanzug.
Sie haben noch vier Minuten.“
Lehmann brabbelte noch irgendetwas Unverständliches
und zog sich um.


DER ÄLTESTE DER STUBE


Es war noch dunkel, kalt. Der Regen musste erst vor kur-
zem aufgehört haben, alles glänzte im Schein der Laternen.
Pfützen, wohin man schaute.
Der Unteroffizier machte einige Übungen vor, alle machten
mehr oder weniger mit. Zum Schluss rannten sie noch eine
Runde um den Block. Der Unteroffizier zeigte mit der linken
Hand zum Eingang: „Ich will Sie am ersten Tag nicht gleich
überfordern. Waschen, umziehen Dienstuniform, Stubenrei-
nigung, dann fertigmachen zum Frühstück.“
Lehmann rannte voraus: „Man muss ich pinkeln, mir platzt
gleich die Blase.“
Alle folgten, genauso schnell.
Die Toilette war überfüllt, Wolkenstein stand hinter einem
großen Schwarzhaarigen, der scheinbar noch den Kasten
Bier vom Vortage entsorgen musste. Er wurde einfach nicht
fertig.
„Gib Gas Alter, mir drückt es auch!“
Der Schwarzhaarige drehte sich um und schaute auf Wol-
kenstein herab: „Halts Maul, du Zwerg!“
Wolkenstein war getroffen, er wusste, dass er zu den
Kleinsten gehörte. Der Schwarzhaarige ging nach draußen
und rempelte ihn beim Vorbeigehen an. Wolkenstein
schaute ihm nach, fast zwei Meter, aber sehr dünn.
Als alle vom Waschen zurück waren, meldete sich Leh-
mann zu Wort: „Hört mal alle her! Der Unteroffizier möchte,
dass wir noch vor dem Frühstück einen Stubenältesten wäh-
len.“
Ruhe im Zimmer. Die acht jungen Männer hatten bisher
nur wenige Worte getauscht, sich vorgestellt. Bei der Suche
nach einem noch freien Bett, gefragt: „Liegst du hier?“ Mehr
nicht. Es herrschte sowieso eine gedrückte Stimmung. Jeder
versuchte, mit der neuen Situation klarzukommen. Wolken-
stein schaute sich um. Außer Lehmann und ihn waren noch
sechs andere auf der Stube.
„Ist mir egal“, meldete sich der, der über Wolkenstein
schlief, „Hauptsache nicht ich.“
„Mir auch“, schlossen sich kurz hintereinander einige an-
dere an. Wolkenstein wollte ebenfalls keinen Posten: „Ich
schlage Lehmann vor.“ Es war auch der einzige Name, den
er sich bisher gemerkt hatte. Kaum ausgesprochen, stimm-
ten die anderen sechs zu.
„Ich? Äh, na ja, äh, wenn ihr wollt. Ich heiße Bodo Leh-
mann. Und ihr?“
Es schien, als wäre nun das Eis gebrochen. Jeder stellte
sich vor und erzählte woher er kam.
Unbemerkt trat der Unteroffizier in die Stube. Er hatte
schon die Dienstuniform an. Keiner nahm weiter von ihm No-
tiz, alle waren damit beschäftigt, sich an die neue Kleidung
zu gewöhnen.
„Wer wurde als Stubenältester gewählt?“ Er stellte die
Frage an Lehmann.
„Ich. Ich wurde gewählt.“
„Hab ich mir gedacht, Soldat Lehmann. Sie sind nun ver-
antwortlich für die Ordnung und Sauberkeit auf der Stube.
Das heißt aber nicht, dass Sie das allein machen sollen. Im
Gegenteil! Sie erstellen einen Plan, der alle einbezieht, ei-
nen Revierplan. Ich werde Ihnen dass nachher noch ge-
nauer darlegen.“ Er ging zum Fenster, fuhr mit dem Zeige-
finger über das Fensterbrett und hielt ihn Lehmann hin.
„Sehen Sie den Dreck? Darauf haben Sie zu achten.“
„Der Dreck ist aber nicht von uns, wir sind erst einige Stun-
den hier.“
Wolkenstein biss sich auf die Zunge, er konnte wieder ein-
mal nicht die Klappe halten.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© nicht oben und nicht unten